Nicht nur die Entwicklung unserer Nahrungsergänzungsmittel ist ein Resultat meiner Erfahrungen in der täglichen Praxis sondern auch die wöchentlichen Blogs gehen auf den intensiven Austausch mit unseren Patienten zurück. So begegnen mir in letzter Zeit einige, vor allem jüngere Menschen, die meinen Rat mit selbsterhobenen Daten aus diversen Gadgets (e.g. Smart Watches oder Fitnesstracker) suchen, um diese Daten in ihre Gesundheitsstory einzuordnen.
Biohacking als Trend zur Selbstoptimierung existiert schon länger, aber der Begriff wurde erst um die Jahrtausendwende geprägt, insbesondere durch den amerikanischen „Lifestyle-Guru“ Dave Asprey um 2005 in den USA, der als "Vater des Biohackings" gilt; während die Wurzeln im leistungsorientierten Sport der 1970er/80er Jahre liegen, gewann es durch technologische Fortschritte und das Internet ab 2010 weltweit massiv an Popularität, auch in Deutschland. Heute ist Biohacking ist ein Lifestyle, der maßgeblich darauf gerichtet ist, einen großen Teil seines Verhaltens auf die Selbstoptimierung auszulegen. „Der Biohacker“ möchte auf unterschiedlichen Ebenen seinen Körper nicht nur optimieren, sondern vielfach auch maximieren. Als erster Schritt muss ein Biohacker den eigenen Organismus verstehen. Dazu misst und analysiert er die verschiedenen Körperfunktionen. Mithilfe von Smart-Watches, Fitnesstrackern und ähnlichen Gadgets sowie Selbsttests ist heute vieles eigenständig messbar. Aus den Daten werden Maßnahmen zur Selbstoptimierung und Leistungsmaximierung abgeleitet. Diese lassen sich in 4 Säulen aufteilen:
1. Ernährung
Biohacker möchten mit ihrer Ernährung die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit maximieren. Dafür wollen sie alle nötigen Nährstoffe aufnehmen und jegliche Lebensmittel mit Problemstoffen, wie künstliche Zusatzstoffe, vermeiden. Zu diesem Zweck nehmen Biohacker oft Nahrungsergänzungsmittel zu sich. Extreme Ernährungsformen wie ketogene oder karnivore Diäten, exzessive Proteinzufuhren oder Fasten werden verfolgt.
2. Körperfitness
Die fundamentale Grundlage für den Körper im Biohacking ist regelmäßige Bewegung und Fitness kombiniert mit ausreichender Regeneration. Neben einem teils extremen körperlichen Training sollen Ergänzungsmittel helfen, den Muskelaufbau und die Regeneration zu unterstützen. Kältetraining in Form von Eisbädern oder kalte Duschen sollen die Muskelregeneration verbessern und Entzündungen reduzieren. Höhentraining optimiert die Sauerstoffaufnahme und -nutzung im gesamten Körper. Mit diesen Maßnahmen sollen auch die Mitochondrien gestärkt werden. Sind die Mitochondrien gesund und stark, funktionieren unsere Zellen und folglich auch unser Organismus besser.
3. Geist
Biohacker versuchen mit unterschiedlichen Techniken ihre kognitive Leistung und Konzentration zu maximieren sowie ihre mentale Gesundheit zu stärken. Die Optimierung von Ernährung und Körper bildet im Biohacking die Basis für einen starken Geist. Angewendete Praktiken sind Meditation und Achtsamkeitstraining aber auch Nootropika, die kognitiven Fähigkeiten verbessern sollen. Natürlich muss auch der Schlaf weiter optimiert werden. Dafür verwenden Biohacker Melatonin-Produkte oder versuchen, die körpereigene Melatonin-Produktion anzuregen und verfolgen Routinen, die die Schlafqualität fördern. Biohacking hat sicher viel Vorteile, es wird sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinandergesetzt und viele der angestrebten Routinen oder Supplemente sind durchaus sinnvoll.
Aber bei allen Bestrebungen die Gesundheit auf vielen Ebenen durch Ernährung, Bewegung und Schlaf sinnvoll zu verbessern, finden sich leider auch nachteilige Entwicklungen dieser Selbstoptimierung. Die eigenständige Analyse des Körpers und Festlegung von Maßnahmen für die Gesundheit birgt viel Potenzial für Fehler. Extreme Ernährungsformen, extreme Lifestyle-Routinen oder ein willkürlicher Einsatz von Nahrungsergänzungsmittel kann der Gesundheit schaden.
Es sind nicht alle Empfehlungen für jeden gut. Menschen sind nicht nur genetisch individuell - und was für die eine Lebenssituation passend ist, kann in einer anderen absolut kontraindiziert sein. Gerade für Frauen gelten teilweise andere Regeln, weil der weibliche Körper auf Grund des ausgeklügelten Hormonzyklus komplett anders reagiert als ein männlicher.
Gemäß dem Universitätsspital Zürich haben Biohacker ein erhöhtes Risiko, an psychischen Zwängen und gestörtem Essverhalten zu leiden. Die technologische Abhängigkeit des Biohackers führt in Teilen dazu, dass das eigene Körpergefühl verloren geht.
Das Gefährliche ist, dass Selbstoptimierung meist kein Anfang und Ende hat. Wir streben nach einem immer besseren Selbst, wodurch nie ein Gefühl der Zufriedenheit eintritt. Schnell kann dann Selbstoptimierung exzessiv werden und sich auch negativ auf die Psyche auswirken. Die Folgen können depressive Verstimmungen und ausgeprägter Stress bis hin zu einem Burnout sein.
Extreme sind in keinem Zusammenhang wünschenswert und dennoch ist wichtig zu erwähnen, dass die wenigen kritischen Gedanken zum Biohacking nicht zu dem Eindruck führen sollen, dass wir ein achtsames Gesundheitsbewusstsein kritisch sehen. Wir unterstützen ein mehr an Bewegung, eine bewusste Ernährung im Sinne der Mittelmeerkost, deutlich mehr Fokus auf Entspannung und Regeneration sowie auch eine gezielte Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel, dort wo es Defizite gibt und es indiziert ist.
Der Körper ist eine holistische Einheit aus Körper, Geist und Seele, die sich nicht grenzenlos maximieren lässt. Beim Blick auf die „Blue-Zones“ finden wir oft sehr alte Menschen, die sogar teils abseits der hochtechnisierten Welt sehr gesund und fröhlich älter werden. Auch bei den ganzheitlichen medizinischen Lehren wie Ayurveda oder „TCM“ überwiegt eher das ausgeglichene „Yin-Yang“-System als eine maximale Selbstoptimierung. Das sollten wir bei der Sammlung wertvoller Gesundheitsdaten immer wieder im Kopf behalten.